Die Schule als Lernfeld für autonomes Lernen in Gruppen​

Die Neugier und Entdeckungsfreude der Kinder ist eine zentrale Motivation für das autonome Lernen, dazu kommt das gemeinsame spielerische Tun und der Austausch mit  Andern.  Auf diesen Grundmotivationen basiert die Konzeption der «operativen Gruppe» nach Pichon-Rivière und Armando Bauleo, die sich auch auf die Schule übertragen lässt.

In einer «operativen Gruppe» treffen sich Lernende, um sich mit einem Lerngegenstand (z.B. Klima, Einmaleins, Geschichte) auseinanderzusetzen. Sie erarbeiten sich ein Verständnis davon, erforschen ihn aus verschiedenen Perspektiven und ergründen seine Bedeutung für ihre aktuelle und künftige Lebenspraxis.

Ausgangspunkt für die Gruppenarbeit ist eine kurze Information (zirka 15min.), die ein Gruppenmitglied oder eine Lehrperson vorbereitet hat. In einer längeren Diskussionsphase (zirka 60min) setzt sich die Gruppe mit dieser Information auseinander und versucht sie zu verstehen. Dabei bringen die Gruppenmitglieder eigene Erfahrungen und eigenes Wissen dazu ein, stellen Zusammenhänge her und werfen Fragestellungen auf. Die Diskussion ist nicht geleitet, die Gruppe steuert sich selbst, sie wählt unter der Vielfalt der möglichen Zielsetzungen aus und gibt sich ihren Auftrag selbst. Dabei eignet sie sich nicht nur mehr Wissen zum Lerngegenstand an, sondern erwirbt auch die spezifischen methodischen Kompetenzen (z.B. Wetterbeobachtung, unterschiedliche Zählsysteme, Vergleich von historischen Zusammenhängen etc.).

Parallel dazu entwickelt sich ein Gruppenprozess des sozialen Lernens: Die Gruppenmitglieder übernehmen spezifische Rollen, klären Missverständnisse, lösen Konflikte, geben sich Regeln, lernen ihre Meinung einzubringen und zu verteidigen und auch die anderer als Beitrag zum Ganzen wertzuschätzen. Das Konzept der «operativen Gruppe» hält die emotionale und soziale Ebene des Lernprozesses für ebenso wirksam wie die kognitive. Die Integration dieser drei Ebenen wird unterstützt durch zwei Lernbegleiter mit unterschiedlichen Funktionen. Die Koordinatorin unterstützt durch ihre sparsamen Kommentare die Selbststeuerung der Gruppe: Zu Beginn wahrscheinlich häufiger, mit zunehmender Autonomie der Gruppe immer weniger. Der Beobachter bringt sich erst gegen Schluss ein und beleuchtet mit zwei, drei ausgewählten Kommentaren das latente Gruppengeschehen. Damit sind die unbewussten Lern- und Gruppenprozesse gemeint, die durch die Beobachtung und Interpretation eines Aussenstehenden der Reflexion zugänglich gemacht werden können. Idealerweise werden diese beiden Rollen durch zwei Personen wahrgenommen.

Selbstorganisiertes Lernen findet nicht nur in «operativen Gruppen» statt: Die Gruppenmitglieder erarbeiten auch einzeln informative Beiträge für die Gruppenarbeit und übernehmen in späteren Projektphasen einzeln, zu zweit oder zu mehreren Teilaufträge für ein gemeinsames Projekt.

Diese Art der Unterrichtsorganisation in «operativen Gruppen» setzt einen offenen Lehrplan voraus, der aber für weiterführende Schulen anschlussfähig bleibt. Damit eröffnet sich ein Spannungsfeld zwischen idealem Lernsetting und gesellschaftlicher Realität, das nicht nur für die Lernenden und ihre «operativen Gruppen» sondern auch für die gesamte Schule ein erweitertes Lernfeld darstellt. Lernende, Lehrpersonen, Eltern und Schulbehörden sind in einen andauernden Lern- und Veränderungsprozess involviert. Die in den operativen Gruppen erarbeitete Fähigkeit sich neuen Situationen aktiv und kreativ anzupassen und gleichzeitig dafür die Verantwortung zu übernehmen, erleichtert diese Aufgabe.