Lernen braucht ein klares Setting und emotionale Sicherheit​

Beim Lernen und Entdecken neuer Zusammenhänge und Welten werden in jedem Menschen Unsicherheiten und Widerstände, die die Neugier und den Wissensdrang bremsen können, virulent. Abhängig von der persönlichen Disposition können diese Unsicherheiten und Widerstände mehr oder weniger stark sein. Ein grosser Teil der Unsicherheiten und Widerstände ist unbewusst. Er hat sich schon in der ganz frühen individuellen Geschichte ausgeprägt und wirkt sich im Lernen aus. Menschen brauchen eine Rahmenstruktur, um diese Unsicherheiten und Widerstände, die beim Entdecken und Erforschen und Aufeinanderprallen verschiedener Möglichkeiten entstehen, aushalten zu können. Jede positive Beziehungsform kann – sie muss nicht – eine solche Sicherheit vermitteln. Enrique Pichon-Rivière nutzte seine Erfahrung, dass die Neugier der Peers ein starker Motor für die Entfaltung von Wissensdrang und Aufgabenbewältigung sein können, für die Konzepte seiner Gruppen. Wir glauben, dass das Potential der Gruppe für das Lernen der Kinder und Jugendlichen noch viel zu wenig gesehen und höchstens punktuell zugelassen wird.[1] Die Entwicklung von Wissen, die Fähigkeit, individuell Erarbeitetes mit Perspektiven von aussen zu koordinieren, sich verantwortlich in eine Gemeinschaft einzubringen, sind Fähigkeiten, die erst in der Gruppe gelernt werden. Die Operative Gruppe ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, einen sicheren und unterstützenden Rahmen für ihren Wissensdrang zu erleben. Die Grenzen des individuell Lernbaren werden überwunden und das Wissen in der Gruppe potenziert.

[1]Das Modell des „Kooperativen Lernens“ (Norma und Kathy Green) zum Beispiel geht von einem Gruppensetting aus, für das die Lehrkraft ein hochstrukturiertes Umfeld schafft, in dem Schüler*innen nach engem Plan miteinander Lernziele realisieren können, ohne dass die Lehrkraft in diesen Phasen eingreift. Hier wird das Potential der Gruppe geöffnet, dennoch bleibt der Lehrer die Entscheidungsinstanz für die Relevanz von Zielen. Er bestimmt noch vor dem Beginn des Lernens, mit welchen Aspekten des Wissens sich die
Schüler*innen zu beschäftigen haben.