Paradigmenwechsel

Lehrpersonen lernen in der Regel heute immer noch, dass sie eingreifen sollen, um bestimmte Lernwege zu initiieren. Sie sind es nicht gewohnt, Lernwege, die von den Lernenden selber gewählt werden, zuzulassen. Die bisher meistens praktizierten Lern- und Trainingsformen gehen davon aus, dass eine Lehrkraft festlegt, welche Wege das Lernen zu nehmen hat. In der Operativen Gruppe repräsentieren die Koordinator*innen die Instanz, die es ermöglicht, dass eine funktionierende Lerngemeinschaft entsteht. Sie schaffen einen emotional sicheren Rahmen, innerhalb dessen das Potential aller am Prozess Beteiligten zur Geltung kommen und Wirkung entfalten kann. Die Koordinator*innen sorgen mit dem Setting dafür, dass die Ideen aller respektiert und auf ihr Potential hin befragt werden. Sie strukturieren den Gruppenprozess, indem sie darauf hinweisen, was die Gruppe mit der entstehenden Aufgabe macht. Sie machen Rollen und Vorgehensweisen transparent. Die Gruppe entwickelt so ein Bewusstsein für die Stärken, die jedes Mitglied in die Gruppe einbringt, und lernt, dieses Potential zur Bewältigung der Aufgaben zu nutzen. Die Koordinator*innen machen darüber hinaus bewusst, wo mögliche Wege im Arbeitsprozess vorschnell ausgeschlossen oder mit kontingenten Gründen nicht in Betracht gezogen wurden. Die Gruppe repräsentiert einen Pool von möglichen Umgangsweisen, der in seiner Gesamtheit genutzt werden kann. Auf diese Weise entstehen Lernwege, die nicht vorhersehbar und doch auf die Lernenden abgestimmt sind, weil die Peers lernen, das Potential der Gruppe zu nutzen.

Die Schule als Lernfeld für autonomes Lernen in Gruppen

Die Neugier und Entdeckungsfreude der Kinder ist eine zentrale Motivation für das autonome Lernen, dazu kommt das gemeinsame spielerische Tun und der Austausch mit  Andern.  Auf diesen Grundmotivationen basiert die Konzeption der «operativen Gruppe» nach Pichon-Rivière und Armando Bauleo, die sich auch auf die Schule übertragen lässt.

In einer «operativen Gruppe» treffen sich Lernende, um sich mit einem Lerngegenstand (z.B. Klima, Einmaleins, Geschichte) auseinanderzusetzen. Sie erarbeiten sich ein Verständnis davon, erforschen ihn aus verschiedenen Perspektiven und ergründen seine Bedeutung für ihre aktuelle und künftige Lebenspraxis.

Ausgangspunkt für die Gruppenarbeit ist eine kurze Information (zirka 15min.), die ein Gruppenmitglied oder eine Lehrperson vorbereitet hat. In einer längeren Diskussionsphase (zirka 60min) setzt sich die Gruppe mit dieser Information auseinander und versucht sie zu verstehen. Dabei bringen die Gruppenmitglieder eigene Erfahrungen und eigenes Wissen dazu ein, stellen Zusammenhänge her und werfen Fragestellungen auf. Die Diskussion ist nicht geleitet, die Gruppe steuert sich selbst, sie wählt unter der Vielfalt der möglichen Zielsetzungen aus und gibt sich ihren Auftrag selbst. Dabei eignet sie sich nicht nur mehr Wissen zum Lerngegenstand an, sondern erwirbt auch die spezifischen methodischen Kompetenzen (z.B. Wetterbeobachtung, unterschiedliche Zählsysteme, Vergleich von historischen Zusammenhängen etc.).

Parallel dazu entwickelt sich ein Gruppenprozess des sozialen Lernens: Die Gruppenmitglieder übernehmen spezifische Rollen, klären Missverständnisse, lösen Konflikte, geben sich Regeln, lernen ihre Meinung einzubringen und zu verteidigen und auch die anderer als Beitrag zum Ganzen wertzuschätzen. Das Konzept der «operativen Gruppe» hält die emotionale und soziale Ebene des Lernprozesses für ebenso wirksam wie die kognitive. Die Integration dieser drei Ebenen wird unterstützt durch zwei Lernbegleiter mit unterschiedlichen Funktionen. Die Koordinatorin unterstützt durch ihre sparsamen Kommentare die Selbststeuerung der Gruppe: Zu Beginn wahrscheinlich häufiger, mit zunehmender Autonomie der Gruppe immer weniger. Der Beobachter bringt sich erst gegen Schluss ein und beleuchtet mit zwei, drei ausgewählten Kommentaren das latente Gruppengeschehen. Damit sind die unbewussten Lern- und Gruppenprozesse gemeint, die durch die Beobachtung und Interpretation eines Aussenstehenden der Reflexion zugänglich gemacht werden können. Idealerweise werden diese beiden Rollen durch zwei Personen wahrgenommen.

Selbstorganisiertes Lernen findet nicht nur in «operativen Gruppen» statt: Die Gruppenmitglieder erarbeiten auch einzeln informative Beiträge für die Gruppenarbeit und übernehmen in späteren Projektphasen einzeln, zu zweit oder zu mehreren Teilaufträge für ein gemeinsames Projekt.

Diese Art der Unterrichtsorganisation in «operativen Gruppen» setzt einen offenen Lehrplan voraus, der aber für weiterführende Schulen anschlussfähig bleibt. Damit eröffnet sich ein Spannungsfeld zwischen idealem Lernsetting und gesellschaftlicher Realität, das nicht nur für die Lernenden und ihre «operativen Gruppen» sondern auch für die gesamte Schule ein erweitertes Lernfeld darstellt. Lernende, Lehrpersonen, Eltern und Schulbehörden sind in einen andauernden Lern- und Veränderungsprozess involviert. Die in den operativen Gruppen erarbeitete Fähigkeit sich neuen Situationen aktiv und kreativ anzupassen und gleichzeitig dafür die Verantwortung zu übernehmen, erleichtert diese Aufgabe.

Lernen braucht ein klares Setting und emotionale Sicherheit

Beim Lernen und Entdecken neuer Zusammenhänge und Welten werden in jedem Menschen Unsicherheiten und Widerstände, die die Neugier und den Wissensdrang bremsen können, virulent. Abhängig von der persönlichen Disposition können diese Unsicherheiten und Widerstände mehr oder weniger stark sein. Ein grosser Teil der Unsicherheiten und Widerstände ist unbewusst. Er hat sich schon in der ganz frühen individuellen Geschichte ausgeprägt und wirkt sich im Lernen aus. Menschen brauchen eine Rahmenstruktur, um diese Unsicherheiten und Widerstände, die beim Entdecken und Erforschen und Aufeinanderprallen verschiedener Möglichkeiten entstehen, aushalten zu können. Jede positive Beziehungsform kann – sie muss nicht – eine solche Sicherheit vermitteln. Enrique Pichon-Rivière nutzte seine Erfahrung, dass die Neugier der Peers ein starker Motor für die Entfaltung von Wissensdrang und Aufgabenbewältigung sein können, für die Konzepte seiner Gruppen. Wir glauben, dass das Potential der Gruppe für das Lernen der Kinder und Jugendlichen noch viel zu wenig gesehen und höchstens punktuell zugelassen wird.[1] Die Entwicklung von Wissen, die Fähigkeit, individuell Erarbeitetes mit Perspektiven von aussen zu koordinieren, sich verantwortlich in eine Gemeinschaft einzubringen, sind Fähigkeiten, die erst in der Gruppe gelernt werden. Die Operative Gruppe ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, einen sicheren und unterstützenden Rahmen für ihren Wissensdrang zu erleben. Die Grenzen des individuell Lernbaren werden überwunden und das Wissen in der Gruppe potenziert.

[1]Das Modell des „Kooperativen Lernens“ (Norma und Kathy Green) zum Beispiel geht von einem Gruppensetting aus, für das die Lehrkraft ein hochstrukturiertes Umfeld schafft, in dem Schüler*innen nach engem Plan miteinander Lernziele realisieren können, ohne dass die Lehrkraft in diesen Phasen eingreift. Hier wird das Potential der Gruppe geöffnet, dennoch bleibt der Lehrer die Entscheidungsinstanz für die Relevanz von Zielen. Er bestimmt noch vor dem Beginn des Lernens, mit welchen Aspekten des Wissens sich die
Schüler*innen zu beschäftigen haben.

Die Operative Gruppe als Lernbasis

Die Initiator*innen des Projekts wählen diesen Paradigmenwechsel hin zur Gruppe als Lernbasis. Die globale Entwicklung nimmt eine Richtung, in der es eine Bündelung von sehr viel Wissen braucht, um die Herausforderungen zu bewältigen. Es braucht Menschen, die nicht nur gelernt haben, extern festgelegte Pflichten zu erfüllen. Vielmehr ist es angesagt, in einem strukturierten Beziehungsnetz innovativ, kooperierend, mit gegenseitiger Neugier und mit Respekt projektbezogen zu denken und zu handeln. Aus unserer Sicht ist das kein Fernziel am Ende einer Schul- und Lehrzeit für Kinder und Jugendliche, sondern sollte von Beginn an für alle Inhalte und Projekte erprobt werden. Wir glauben daran, dass es Zeit ist, diese Form der Selbstermächtigung mit jungen Menschen zu praktizieren. Es geht darum, angestrebte Fertigkeiten und Kenntnisse nicht nur kognitiv zu repräsentieren, sondern sie im Experiment, im Prozess und in der gemeinsamen kritischen Auseinandersetzung zu vollziehen. Auch geht es darum, Kindern und Jugendlichen nicht vorzuschreiben, was und wie sie lernen können.

Einstimmen auf einen Lernweg in der Gruppe

Die Begleitung der Gruppe geschieht durch Koordinator*innen, die Teile von Wissen „verkörpern“, die Impulse geben und Zugang zu Materialien ermöglichen. Wir vermeiden den Begriff des Lehrens, um nicht in das historisch gewachsene Prinzip der Übertragung von Wissen von der einen zur anderen Generation zu kommen. Immer noch ist diese Tradition mit dem Makel behaftet, auf der einen Seite die Besitzenden von Wissen zu haben und auf der anderen Seite die Besitzlosen, die Unwissenden. Aus diesem Gefälle entsteht ein Machtgefüge, das die Fähigkeiten des lernenden Individuums beschneidet und degradieren kann und die individuellen Lernwege in Misskredit bringt, wenn sie überhaupt wahrgenommen werden. In der Operativen Gruppe hat nicht der Koordinator die Definitionshoheit über „relevantes“ Wissen und über die Wege dorthin. Es ist die Gruppe, die mit dem Wissen arbeitet und experimentiert und ihre Schlüsse daraus zieht.

Die Rolle der Koordinator*innen

Die Koordinator*innen repräsentieren Wissen, das „da ist“ und bringen dies in die Gruppe hinein. Der Unterschied zu herkömmlichen Lehrverfahren ist, dass der Koordinator dieses Wissen in der Gruppe präsentiert und damit zu einem Anstoss macht. Aus diesem Anstoss entwickelt die Gruppe selbst eine oder mehrere Lernaufgaben. Für die Bewältigung dieser Lernaufgaben kann die Unterstützung der Koordinator*innen von der Gruppe wieder eingeholt werden. (Materialbeschaffung, weitere Darstellungen von zusammenhängendem Wissen). Die Koordinator*innen begleiten Lernprozesse. Sie entwickeln eine grosse Sensibilität für die Eigenaktivität aller Beteiligten und machen diese der Gruppe zunehmend bewusster, so dass die Gruppe ihre Lernprozesse immer klarer gliedern und ihre Aufgaben angemessen aufbauen kann. Das Modell des „Kooperativen Lernens“ (Norma und Kathy Green) zum Beispiel geht von einem Gruppensetting aus, für das die Lehrkraft ein hochstrukturiertes Umfeld schafft, in dem SchülerInnen nach engem Plan miteinander Lernziele realisieren können, ohne dass die Lehrkraft in diesen Phasen eingreift. Hier wird das Potential der Gruppe geöffnet, dennoch bleibt der Lehrer die Entscheidungsinstanz für die Relevanz von Zielen. Er bestimmt noch vor dem Beginn des Lernens, mit welchen Aspekten des Wissens sich die SchülerInnen zu beschäftigen haben.

Nicht einfach wissen, sondern kompetent selbstmächtig handeln können

Wir beobachten, dass die Umorientierung von Wissenden zu kompetent Handelnden an vielen Stellen gesellschaftlich initiiert wird, z.B. auch durch die Ideen des Lehrplans 21. Wir wollen ein Schulprojekt, in dem das kompetente Handeln im Setting der Lerngruppe, in der Operativen Gruppe, enthalten ist. Wir leisten so unseren eigens modellierten Beitrag zu einer Schule der Zukunft.

Das Bewusstsein für die eigenen Ressourcen und Wege (wieder) entdecken

Die Klasse als traditionelle Gruppe der Schule wird in ihrem herkömmlichen Setting nur zu einem Bruchteil genutzt, faktisch oft als Konkurrenzmodell für Schüler*innen, das vor allem destruktiv für langsamer, schneller oder anders als vorgesehen sich entwickelnde Menschen wirkt. Diese Form der Destruktivität verstärkt die entmutigenden Anteile, die im Unbewusstsein eines Menschen schon vorgeprägt wurden. Das wird in der Operativen Gruppe geändert. Kinder und Jugendliche arbeiten mit den Werkzeugen und Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie entdecken neu, dass sie mit ihrer eigenen Persönlichkeit erfolgreich handeln können. Die Mitglieder der Gruppe nutzen gemeinsam ihr vollständig zur Verfügung stehendes Potential aus und treiben von dort ihre Lernprozesse voran. Die Operative Gruppe ermöglicht es, Prozesse des Entdeckens bewusst zu reflektieren und miteinander zu fragen, welche Aspekte untersucht werden sollen und wer welche Aufgaben dafür übernimmt.

Die Gruppe gibt Feedback

Die Operative Gruppe ist die Basis, auf der alles Lernen, Entdecken, Verstehen, Organisieren und Sich-Bilden geschieht. In unseren westlichen Gesellschaften, die auf das Individuum und sein Streben ausgerichtet sind, stellt die Operative Gruppe ein Modell dar, wie das Lernen mit anderen und ohne abwertende Konkurrenz zu ihnen zu innerer Sicherheit und Gelassenheit führen kann.[2] Die Operative Gruppe ist der verlässliche Rahmen, in dem jede Frage willkommen, jede Anregung auf ihr Potential hin untersucht, jedes Experiment von allen begutachtet und kritisch kommentiert wird. Hier entwickelt sich ein Stil und ein Umgang mit Lernen und Sich-Bilden, der nicht durch ein starres Inhaltsraster vorstrukturiert ist, sondern im Flow und in der Gewissheit geschieht, dass es anerkennendes und kritisches Feedback von allen gibt. Diese Art von Feedback ist ein Modellieren von Experimenten und Aufgaben, das zu immer komplexeren Stufen von Erkenntnis und Bildung führt. Die Inhalte werden nicht angeeignet, weil sie in der Theorie als relevant erachtet werden, sondern weil sie von den Gruppenmitgliedern als Instrumentarium auf dem Weg zu einem Ziel benutzt werden. Insofern ist die Art der Aneignung von Wissen eine Frage zunehmender Kompetenz, die sich durch die Struktur der Schule organisch und unaufdringlich entwickelt. Diese Kompetenz, aktiv nach notwendigem Wissen zu suchen oder es aufzubauen, wird in der Operativen Gruppe angeeignet. Dies ist für Koordinator*innen eine spannende Herausforderung, denn die Konzepte, wie sie mehrheitlich existieren, gehen nicht von der Gruppe und ihrem Potential aus.

[2]Wir unterscheiden zwischen einem Wettbewerb der Ideen, die gleichwertig anerkannt sind und in ihrem Potential untersucht werden, und einer Konkurrenz, die auf der Abwertung der Ideen anderer beruht und ihre scheinbare Relevanz in der dominanten Durchsetzung von Ideen gewinnt. (Vergl. Marshall Rosenberg Non-Violent Communication).

Gemeinsame und individuelle Lernprojekte

Die Operative Gruppe ist der Kernpunkt. Gegenseitiger Respekt für individuelle Zugangsweisen zu Wissen, Aufmerksamkeit für die speziellen Interessen des Individuums, Sich-inspirieren-Lassen von den Fragen und Überlegungen der Gruppenmitglieder führen alle zusammen weiter. Dabei gibt es gemeinsame, aber auch individualisierte Lernprojekte. Die Gruppe ist jedoch der Bezugspunkt, wenn das Individuum mit seinem Potential nicht weiterkommt, wenn es Impulse und Inspirationen braucht. Das Individuum wird nicht von einem Lehrer angeleitet, sondern es erfährt die Gruppe als Netz für den Erfolg seines Handelns. Die Koordinator*innen zeigen der Gruppe auf, wo diese die Potentiale übersieht oder vorschnell auf die Seite legt. Die Koordinator*innen greifen nicht mit Methoden ein, die aus der Aussenperspektive auf die Gruppe als sinnvoll erachtet werden, sie können als Input eingebracht werden, die Kinder/Jugendlichen entscheiden dann selbst, ob sie diese Anregungen als hilfreich erachten.

Gruppenzusammensetzung

Die Operative Gruppe ist vom Alter und vom Geschlecht her gemischt und inklusiv. Den Entscheid zur Aufnahme in eine gegebene Gruppe fällt die Schulleitung.

Wissenschaftliche Begleitung

Die Anwendung des Wissens zu Operativen Gruppen in der Schule soll von Anfang an wissenschaftlich begleitet und untersucht werden. Dazu werden wir die Pädagogischen Hochschulen miteinbeziehen.

Ausbildung der Koordinator*innen

In Operativen Gruppen sind die Koordinator*innen die Begleiter*innen der Gruppenprozesse. Lehrer*innen mit der heute üblichen Ausbildung sind noch nicht in einer Struktur ausgebildet, die den Zielen der Schule mit Operativen Gruppen entspricht. Die Gruppe als Träger der Entwicklung von Wissen ist in der bisher üblichen Lehrerausbildung nicht im Fokus. Um zu gewährleisten, dass die neue Ausrichtung die Strategien und Handlungsweisen der Koordinator*innen/ Lehrer*innen nachhaltig verändert, werden sie in einer eigenen Ausbildungsgruppe für Operative Gruppen nachqualifiziert. Die Träger dieser Ausbildungsgruppe sind Mitglieder der Arbeitsgruppe Operative Gruppe, die in der Schweiz seit etwa 30 Jahren aktiv ist und sich an den Konzepten von Pichon-Rivière ausrichtet. Lehrer*innen ändern in dieser Weiterqualifizierung ihr Selbst- und Rollenverständnis und entwickeln die Kompetenzen als Koordinator*innen von Operativen Gruppen.

Gesellschaftliche Wirklichkeiten

Im Hinblick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit ist die Erlaubnis, Grenzen zu überschreiten abhängig von einem schon definierten hierarchischen Verhältnis (eben „Erlaubnis“). In einer Gesellschaft mit hierarchischen Strukturen gibt es immer jemanden, der die Erlaubnis zu irgendwelchen Handlungen erteilen oder verweigern kann. Auch Erziehung und Schule funktionieren unter diesen Voraussetzungen. Wie kann die Fähigkeit, das eigene Potential uneingeschränkt zu nutzen, sich verwirklichen? Das Bildungssystem ist ein wichtiger Teil dieses Prozesses. Was aber ist, wenn das Bildungssystem selbst Grenzen in der Auslese setzt, wenn es bestimmt, welche Ziele zu erreichen sind und welches Potential keinen Wert hat? Erfahrungen von Grenzsetzungen hin zu neuem Wissen können Schranken zum Handeln aufbauen. Diese Grenzsetzung kann auch verbal, sie muss nicht körperlich sein. Dann wird es unter Umständen schwer, sich selbst die „Erlaubnis“ zu geben, Tabus zu durchbrechen, zu handeln, wenn man den persönlichen Impuls dazu verspürt. Es gibt eine unsichtbare, scheinbar unreflektierbare Schranke. Die Kraft der Gruppe, besonders der Peergroup, kann ein positiver Impuls sein, diese unsichtbaren Schranken wahrzunehmen und sie mit der geweckten Neugier zu überwinden oder sie nach eingehender Diskussion zu respektieren. Die Koordinator*innen geben den Rahmen für einen solchen Prozess, sie beanspruchen für sich selbst jedoch nicht die Definitionsmacht darüber, welche Prozesse zielführend oder welche Wege für die Wissensaneignung ideal sind.